On Balance Volume OBV
Auf J. Granville zurück geht der zu den Standardindikatoren zählende On Balance Volume (OBV). Basis der Überlegungen Granvilles ist der Versuch einen Trendfolger zu schaffen, der anhand der Kursbewegungen und des hierin involvierten Handelsvolumens konkrete Aussagen zu Trendstärke und -schwäche und damit möglichen Umkehrbewegungen liefern kann. Grundlegende Anname dieses Indikatoransatzes ist das Vorliegen eines größeren Handelsvolumens in Trendrichtung als in Gegenrichtung. Konkret wird also bei einem vorhandenen Aufwärtstrend an Tagen mit steigendem Basiswertkurs das entsprechende Handelsvolumen größer sein als an Tagen mit fallendem Basiswertkurs. Die Interpretation für einen vorhandenen Abwärtstrend dürfte sich erschließen.
Kann der technische Analyst nun eine Situation beobachten, in welcher sich Indikator und Basiswert nicht wie oben beschrieben verhalten so kann auf eine entsprechende Umkehrbewegung spekuliert werden. Als Beispiel sei ein dem eigentlichen Basiswertchart folgend intakter Abwärtstrend angenommen, der nun aber durch steigendes Volumen an Tagen mit Kursanstiegen und fallendes Volumen an Tagen mit Kursverlusten gekennzeichnet ist. Es ist ein Wechsel im Engagement der Marktteilnehmer zu beobachten, welches in Kombination mit anderen Faktoren (niemals sollte ein Indikator als einziges Handelskriterium verwendet werden!) zum Entstehen eines neuen Aufwärtstrends führen kann.
Die Berechnung des OBV ist im Vergleich zu zahlreichen anderen Indikatoren in der Tat leicht und nachvollziehbar: Es erfolgt eine fortlaufende Aufsummierung des Handelsvolumens. Im Falle von steigenden Kursen wird das aktuelle Handelsvolumen zum Indikatorvortageswert hinzugezählt, im anderen Falle abgezogen. Es gibt keine Parameter welche beachtet werden müssten, da einzig und allein das Volumen als Maßstab für das Engagement der Marktteilnehmer von Bedeutung ist.
Wie bereits angesprochen geht On Balance Volume davon aus, dass ein gesunder Trend mit entsprechend hohem Handelsvolumen einhergeht. Ausgehend hiervon erschließen sich bereits mögliche Schlussfolgerungen auf Basis eventuell vorhandener Konvergenzen und Divergenzen zwischen Basiswert- und Indikatorverlauf. Bestätigt der Indikatorverlauf die Basiswertentwicklung so ist von einem gesunden Trend auszugehen, bearishe oder auch bullishe Divergenzen deuten hingegen auf eine Abschwächung des bestehenden Trends und eine mögliche Trendumkehr hin. Eine bullishe Divergenz zeichnet sich dadurch aus, dass der Basistitel neue Tiefpunkte markiert, der Indikator hingegen nicht mehr. Der aktuelle Abwärtstrend schwächt sich ab, es kann auf eine Trendumkehr spekuliert werden. Eine bearishe Divergenz kann man hingegen ausmachen wenn der Basistitel noch auf neue Hochpunkte steigt, der Indikatorverlauf jedoch keine neuen Hochs mehr markiert. Der Aufwärtstrend verliert an Kraft, eine mögliche Umkehr der Trendrichtung kann vermutet werden. Es versteht sich von selbst, dass das aufgezeigte Konzept (wie alle Trenddfolgeindikatoren) nur in Trendphasen gute Ergebnisse liefern kann, in Seitwärtsphasen macht die Anwendung keinerlei Sinn.
Bei der charttechnischen Analyse von OBV kann man indes die gesamte Palette der bekannten Standardwerkzeuge wie Trendlinien, Widerstands- und Unterstützungslinien, Trendkanäle etc. verwenden. Da es sich um einen trendführenden Indikatoransatz handelt werden Formationsauflösungen oft früher stattfinden als im Basiswert. An dieser Stelle soll auch auf den entscheidenden Kritikpunkt am On Balance Volume Konzept hingewiesen werden, nämlich auf das Ignorieren der Stärke der Kursveränderung. Ein minimaler Anstieg oder Verlust im Basiswert hat also die gleiche Auswirkung wie ein extremer Kurssprung oder -rutsch, da ja nur das Handelsvolumen betrachtet wird.
Es sei abschließend angemerkt, dass mehrere Konzepte der Verfeinerung bestehen. Am bekanntesten in diesem Zusammenhang ist sicher die Verwendung gleitender Durchschnitte, diese reduziert im allgemeinen die Anzahl an Fehlsignalen, schwächt aber andererseits den trendführenden Charakter von OBV ab, da ja eine zeitliche Verzögerung “eingebaut” wird. Beim Average Balance Volume (ABV) wird ein Simple Moving Average auf den Mutterindikator berechnet, ein anderer Ansatz von J. Granville selbst sieht die Verwendung eines Exponential Moving Average mit einer Berechnungsperiode von 21 Tagen vor. Als konkrete Handelssignale können hier die Schnittpunkte zwischen Indikator und Signallinie herangezogen werden (Kaufsignal bei Indikator größer Signallinie, Verkaufssignal analog). Eine weitere Möglichkeit der Konzepterweiterung stellt die Betrachtung einer übergeordneten Zeiteinheit dar. Hier können Handelssignale insofern gefiltert werden als die übergeordnete Zeiteinheit die Handelsausrichtung der untergeordneten Zeiteinheit bestätigen muss.


